Ashbourne Shrovetide Football
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Shrovetide football – wo alles begann

Bewegt man sich auf den Spuren des Volkssport Fußball so nimmt der erste Fußballclub Sheffield FC aus England eine bedeutende Rolle in der Entstehungsgeschichte ein. Die Gründer des Vereins waren maßgeblich an der Festlegung der Regeln beteiligt, die wir heute regelmäßig verfluchen und die das Spiel so spannend machen. Vielerorts waren schon im Mittelalter verschiedene Ballspiele beliebt, die dem heutigen Fußball ähneln. Eines dieser Spiele hat über Jahrhunderte überlebt und wird heute noch einmal im Jahr gespielt: Royal Shrovetide football

Auf unserer England-Tour war dies für uns natürlich ein Pflichttermin. Schauplatz dieses Ereignisses ist das beschauliche Örtchen Ashbourne mit rund 5000 Einwohnern. 363 Tage im Jahr ist dieser Ort ein verschlafenes Dorf. Doch an Karnevalsdienstag und Aschermittwoch herrschen zwei Tage Ausnahmezustand. Aus den umliegenden Orten strömen die Menschen zum Royal Shrovetide football, um entweder selbst daran teilzunehmen oder sich das Schauspiel bei einem kühlen Blonden aus der Distanz anzusehen. Geschäfte werden verbarrikadiert, Stunden vorher tätigen Omis noch die letzten Hamsterkäufe. Man hat hier wirklich das Gefühl, die Leute warten auf die Flut oder einen verheerenden Schneesturm.

Ashbourne Shrovetide Football

Shrovetide football - ein Spiel ohne Regeln

Die Menschen, die sich oberhalb des Flusses verwurzelt fühlen (Up’ards) spielen gegen die, die unterhalb des Henmore (Down’ards) beheimatet sind. Wenn ihr jetzt denkt, da kreidet einer vorher nochmal schön den Platz ab und sorgt für ein Spielfeld, dann habt ihr noch nichts verstanden. Aber mit der Spielbegrenzung gibt es im Amateurfußball ja erfahrungsgemäß auch des Öfteren mal Missverständnisse, wenn der Platzwart am Sonntagmorgen versucht seine Linien mit der Kreidemaschine zu ziehen. Da darf man als Spieler auf der Außenbahn meist zwischen einer Vielzahl von Seitenlinien wählen.

Beim Shrovetide ist das ganze Dorf das Spielfeld – es gibt keine Spielbegrenzung. Zwei alte Mühlen-Steine, die sich fünf Kilometer voneinander entfernt befinden, bilden die Tore. Also quasi so ein bisschen, wie die Tore aus Schuhen damals auf dem Schulhof – nur deutlich weiter voneinander entfernt. Die ersten Aufzeichnungen dieses verrückten Spiels gehen auf das Jahr 1667 zurück. Zwei rivalisierende Teams, die in der Nähe von der nicht weit entfernten englischen Stadt Derby gegeneinander spielten. Das kann kein Zufall sein – ist auch keiner. Shrovetide football ist die Mutter aller Derbys und verleiht heute bekannten Begegnungen wie Dortmund – Schalke oder Köln – Gladbach seinen Namen.

Shrovetide Ashbourne Football

Mit dem Unterschied, dass der heutige Fußball dann doch noch ein paar Regeln mit sich bringt. In Ashbourne ist man zufrieden, wenn die Spieler die Finger vom Friedhof lassen und es vermeiden, den Ball über die Krankenhausflure zu pöhlen. Ein Ortskundiger sagte uns vor dem Spiel, dass der Ball von ein paar Jahren in den Pub geflogen ist und Up’ards und Down’ards anschließend in den Laden rein gesprintet sind, als hätten sie nach 5 Wochen Sahara den Durst ihres Lebens. Ganz genau, also quasi wie bei uns nach Abpfiff der 90 Minuten. Gut, dass die Veranstaltung mittlerweile ordentlich versichert ist und alle Spieler am nächsten Tag dabei helfen, die entstandenen Schäden zu reparieren.

Der Anstoß dieses verrückten Spiels wird von einem Würdenträger aus dem Ort vorgenommen, der von einer Erhöhung (Plinth) auf dem Supermarktplatz den Ball in die Masse werfen darf. Danach geht’s ab. Der Ball verschwindet ziemlich schnell in einem Pulk von Leuten, nach wenigen Minuten entstehen dichte Wolken aus Schweiß und Atem – auf jeden Fall ein guter Hinweis darauf, wo der Ball sich gerade befindet. Die meisten Menschen stehen um die Meute herum und begutachten das Schauspiel mit etwas Entfernung. Auch wenn lange Zeit nichts passiert, kann das Spiel sich binnen Sekunden komplett drehen und der Ball frei auf der Straße durch die Gegend geknallt werden.

Wenn man sich überlegt, dass wir Amateurfußballer in Kreisliga und Kreisklasse uns schon mit 90 Minuten schwer tun, dann darf man gar nicht darüber nachdenken, wie lange Shrovetide Football dauert. Das Spiel startet an beiden Tagen um 14 Uhr. Das Tor, dass nach 17 Uhr geschossen wird, beendet das Spiel. Im schlimmsten Fall geht der Tag bis 22 Uhr. Zwei Tage lang, jeweils 8 Stunden laufen die Jungs im schlimmsten Fall über Stock und Stein. HALLO????? Und denen, die nicht spielen, stehen zwei Tage Vollsuff bevor. Wohl die bessere Alternative. Wer das entscheidende Tor geschossen hat, wird auf den Schultern in den heimischen Pub getragen und von allen Ortsbewohnern feuchtfröhlich empfangen. Das ist dann wie ein Aufstieg in die höhere Liga an dem Tag, an dem euer Verein 100 Jahre alt wird und euer Kapitän Schützenkönig ist. Quasi der heilige Grahl.

Wir hatten die Gelegenheit vor dem Anstoß mit Ryan und seinem Vater, zwei waschechte Up’ards, über die anstehenden beiden Tage zu sprechen und haben euch ein paar Impressionen im Video zusammengefasst.

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